„Im Gespräch mit…“ Professor Tim Rieniets zur Stadt-Transformation am 03.09.2026: Mit drei Zielen auf dem Weg zu einer lebenswerten Stadt
Wie gelingt die lebenswerte Stadt? Drei mögliche Antworten darauf: mehr Nutzung von Bestandsgebäuden, mehr Konzepte zum Teilen von Wohnraum und Ideen für besseren sozialen Zusammenhalt.
Volles Haus bei unserer fünften Veranstaltung „Im Gespräch mit…“ Professor Tim Rieniets (LUH) zu „Hannover – Stadtvision 2035? Wege der Transformation“. Weit über 30 Teilnehmende lauschten gespannt dem Vortrag von Professor Rieniets. Daran anschließend entwickelte sich eine lebhafte Diskussion mit vielen Fragen und Ideen. Und der Überzeugung: Ja, es gibt viele Wege und Möglichkeiten, wie sich Städte positiv verändern können.
Laut der aktuellen Umfrage der HAZ vom 31. August sind viele Bürger *innen in Hannover mit der Arbeit der Politik und Stadtverwaltung nicht wirklich zufrieden, stellte Michael Drupp in seiner Einleitung vor. Probleme, die oft genannt werden oder deren Wichtigkeit stark gestiegen ist:
- Wohnungsnot
- Sicherheit/Kriminalität
- Baustellen
- Umweltprobleme, Klima
- Soziales Gefälle, Armut
- Stadtbild, Verödung der Innenstadt
„Wir brauchen eine positiven Blick nach vorn, eine Vision, für unsere Stadt und unsere Städte, folgerte Michael Drupp und übergab das Wort an Prof. Tim Rieniets.
Tim Rieniets wies darauf hin, dass Stadtvisionen und Stadtutopien eine lange Tradition hätten. Bereits im 16. Jahrhundert entstand mit dem fiktiven Reisebericht von Thomas More (Morus) zur Insel „Utopia“ eine erste Vision einer idealen Stadt und Gesellschaft. Er selbst, so Rieniets, sehe Stadtvisionen eher skeptisch und lege den Fokus lieber auf konkrete Themen, die realistisch angegangen werden könnten. Zur Illustration habe er uns Bilder und Modelle aus Studierendenprojekten oder aus anderen Städten mitgebracht.
Städte stünden heute vor zahlreichen Herausforderungen und Problemen. Positiv umgedeutet ergeben sich daraus Ziele und Wünsche für eine bessere Stadt. Er greife aus dem Pool an Themen drei heraus, die sich auch gegenseitig beeinflussen würden:
- weniger Treibhaus-Emissionen,
- mehr Wohnraum,
- mehr soziale Kohäsion.
1: Weniger Treibhaus-Emissionen
Laut einiger Untersuchungen beträgt der Anteil der Gebäude an den Treibhaus-Emissionen rund 17 Prozent. Das seien allerdings im Wesentlichen Heizkosten, und es fehlten die „grauen“ Kosten für Herstellung/Bau und Abriss. Bezieht man den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden in die Betrachtung ein, so liegt der Anteil an Treibhaus-Emissionen bei rund 40 Prozent.
Der Bausektor ist für das Klima der problematischste Sektor.
Die Lösung liegt hier darin, möglichst viel im Bestand zu bleiben, um weniger „graue“ Kosten zu erzeugen. Also zum einen Aufstocken, Ausbauen, Anbauen, zum anderen nicht mehr genutzte/nicht mehr gebrauchte Gebäude mit Fantasie und mit möglichst klimagerechten Baustoffen umzunutzen. Das können Parkhäuser, Schwimmbäder, Industriegebäude oder auch Bürogebäude sein.
2: Mehr Wohnraum
Es fehlen rund 0,8 bis 1,4 Mio. Wohneinheiten in Deutschland (laut Untersuchung des Prestel-Instituts). Rein mit Neubauten ist dieses Problem nicht zu lösen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Wohnfläche pro Person seit Jahrzehnten beständig wächst.
Der technische Fortschritt beim Wärmebedarf ist zunichte gemacht durch den viel größeren Wohnraum.
Ideen und Ansätze hier sind:
- Die verstärkte Umnutzung von Bestandsgebäuden wie Büroflächen zu Wohnraum.
- Erhöhung der Belegungsdichte, d. h. Im Durchschnitt wieder mehr Bewohner*innen pro Wohnung und pro Quadratmeter Wohnfläche. Im Moment sind es rund 2 Personen pro Wohneinheit. Allein eine durchschnittliche Erhöhung um wenige Bruchteile pro Wohneinheit führt dazu, dass mehrere Hunderttausend Wohnungen weniger fehlen würden.
- Geteilter Wohnraum und Teilen von Wohnfläche, z. B. durch gemeinschaftliches und auch generationsübergreifendes Wohnen oder durch kluges Aufteilen vorhandener Häuser und Wohnungen in kleinere Wohneinheiten.
3: Mehr soziale Kohäsion
Der öffentliche Raum ist der Schmelztiegel für die soziale Kohäsion. Das Zusammentreffen, die Begegnung im Alltäglichen schafft die Bindekraft einer Gesellschaft. Allerdings verliert der öffentliche Raum derzeit an Kohäsionskraft durch Entwicklungen wie Digitalisierung und Lieferdienste, die zu einer stärkeren Isolation des Einzelnen und einen Rückzug in die privaten Räume oder in die digitale Welt führen.
Die Digitalisierung wirkt sich auf das Leben im öffentlichen Raum aus. Wie genau, wissen wir noch nicht; diese Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen.
Hierauf hat die Stadtplanung noch keine völlig überzeugenden Lösungsansätze gefunden. Das Teilen von Wohnraum, das Anbieten attraktiver Gemeinschaftsräume und -flächen und mehr Schutz und Sicherheit im öffentlichen Raum können Ansätze darstellen.
Fragen und Diskussion
Nach dem Vortrag entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Einige der angesprochenen Themen
- Wünsche: Es sollte bei allen Bauprojekten von Anfang an mehr Begrünung und Fassadengrün mitgedacht werden. Und funktionierende Beispiele aus anderen Ländern stärker herangezogen werden.
- Frage, ob auch gesundheitliche und psychische Auswirkungen in die Städteplanung einflössen. Prof. Rieniets: Bei der Städteplanung muss die Stadt auch immer als soziales System erfasst werden. Allerdings gebe es keine eindeutigen Hinweise, ob das Leben in der Stadt oder auf dem Land generell besser und gesünder wären, weil Menschen verschieden auf die jeweiligen Bedingungen reagierten.
- Hinweis auf Projekt „Wohnen für Hilfe“, das alt und jung zusammenbringt und bei dem wenig genutzter Wohnraum in zu großen Wohnungen klüger verwendet wird.
- Einige Anwohner*innen sprachen das Problem einer Baubrache an, bei der seit Monaten keine Fortschritte zu sehen seien. Rieniets: Die Behörden hätten keinen Zugriff auf privaten Raum. Hier helfe nur öffentlicher Druck, damit der Bauträger besser auf die Belange der Nachbar*innen vor Ort eingehe, weil er in der Öffentlichkeit gut dastehen möchte.
- Rieniets: Auf den öffentlichen Raum dagegen hat eine Stadt Zugriff und kann diesen für mehr Lebensqualität sinnvoll (um)gestalten.
- Hinweis: Viele öffentliche Plätze werden hier vor Ort nicht so von den Bürger*innen als „ihr“ Raum angenommen und genutzt wie z. B. in vielen mediterranen Städten. Rieniets: Architektur und Städteplanung können nur die Voraussetzungen schaffen, aber nicht das Verhalten der Menschen vor Ort steuern.
- Zu starre (bau-)rechtliche Regelungen verhindern oft Umbau- und Nachnutzungsprojekte, weil Bauen dadurch teuer wird. „Die Rechtslage diskriminiert den Altbau“, so Professor Rieniets. Das heutige Baurecht ist in der Nachkriegszeit entstanden, als der Fokus auf dem schnellen Neubau von Wohnungen lag. Heute sind die Anforderungen verändert. Viele Architekten setzten sich für mehr Um- und Nachnutzung im Bestand ein, mit Erfolg: Es gab erste Erleichterungen dafür im Baurecht.
Am Schluss dankten der Ortsvereinsvorsitzende Dr. Bala S. Ramani und Initiatorin Stefanie Pizzella dem Referenten des Abends, Professor Tim Rieniets, herzlich für seinen informationsreichen und inspirierenden Input ebenso wie Michael Drupp für die einleitenden Worte. Ein ganz großes Dankeschön gehe auch an die zweite Initiatorinnen der Reihe, Bente Jessen-Thiesen, sowie die Diakonie und Friedhelm Feldkamp für das Bereitstellen des Raums.
Danach war Gelegenheit und Zeit, informell zusammenzukommen und sich auszutauschen. Dies Angebot nahmen die Teilnehmenden gerne an und diskutierten und sprachen noch lange weiter.
Wir danken allen Teilnehmenden für ihr Kommen, ihr Interesse und den engagierten Austausch und dem gesamten Team der AG Themenabend für die Ideen, Umsetzung und Unterstützung.
Bericht: Tatja Stülten
Über Prof. Dipl.-Ing. Tim Rieniets
Tim Rieniets ist Professor für Stadt und Transformation am Institut für Entwerfen und Städtebau (IES) der Leibniz Universität Hannover und ein ausgewiesener Experte zu den Themen Städtebau, Stadtplanung und -transformation. Nach seinem Studium der Architektur führten Tim Rieniets erste berufliche Stationen als Architekt und wissenschaftlicher Mitarbeiter anschließend an die ETH Zürich zu Prof. Kees Christiaanse (2003–2011); dort arbeitete er als (Ober-)Assistent und Dozent. Anschließend war er Gastprofessor für Städtebau an der TU München und 5 Jahre Geschäftsführer der Landesinitiative StadtBauKultur NRW, bevor er seit 2018 an der LUH als Professor für Stadt und Transformation in einer diversifizierten Gesellschaft tätig ist, seit 2023 zudem Studiendekan der Fakultät für Architektur und Landschaft.
Über die Veranstaltungsreihe „Im Gespräch mit…“
Politik lebt vom Nachdenken und Diskutieren. Über Fakten und Realitäten, über Perspektiven und Positionen sowie über die Themen, die im Alltag manchmal zu kurz kommen. Dafür möchten wir uns Zeit nehmen und ins Gespräch kommen! Jeden ersten Donnerstag-Abend im Monat im Haus der Diakonie.