„Im Gespräch mit…“ Nina Harms und Leon Schomburg: Luft nach oben beim Klimaschutz in Hannover
Die vierte Veranstaltung unserer Reihe „Im Gespräch mit…“ behandelte am 2. Juli das Thema: Klimagerechte Stadt Hannover. Wir sprachen mit Nina Harms und Leon Schomburg darüber, was es für eine klimagerechte Stadt braucht und ob die Weichen dafür in Hannover gestellt sind.
Gemeinsam mit Nina Harms und Leon Schomburg von der Klimaschutzinitiative HannoverZero warfen wir einen Blick auf Hannovers Klimaziele, ihr Monitoring und die Verkehrspolitik der Stadt. In einer kurzen Einleitung stellte Timo Lichtenstein einige Zahlen und Fakten zum Thema klimagerechte Stadt vor:
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Die Begriffe klimaneutral und klimagerecht bzw. klimaangepasst werden oft vermischt.
- Klimaneutral bedeutet: in der Summe keine Treibhausgasemissionen, also netto null. Das heißt, nur noch so viel CO2 auszustoßen, wie man durch andere Maßnahmen gleichzeitig der Atmosphäre wieder entzieht.
- Klimaanpassung beschreibt dagegen alle Maßnahmen, um sich an kommende klimatische Veränderungen anzupassen.
- Städte verursachen global 75 % der Energieverbräuche, während sie nur rund 2 % der Fläche einnehmen (Quelle: UN-Bericht zum Energieverbrauch von Städten: https://unhabitat.org/global-report-on-human-settlements-2011-cities-and-climate-change ). Es ist also wichtig, gerade in Städten Klimapolitik zu betreiben.
Nina Harms stellte zu Beginn kurz HannoverZero vor: eine offene Gruppe von Bürger:innen aus Hannover, die sich seit 2021 überparteilich und konstruktiv für eine nachhaltige Klimapolitik einsetzen. Ziel ist, Hannover bis 2035 klimaneutral zu machen. Wichtige inhaltliche AGs sind dafür "Monitoring", "Verkehr" und "Moorschutz". Es gibt in Niedersachsen und im gesamten Bundesgebiet rund 90 weitere LocalZero-Gruppen.
Anschließend gingen Nina Harms und Leon Schomburg auf drei Themen ein:
- Monitoring als zentrales Steuerungselement
- Wie gut ist Hannover aufgestellt und was sollte sich ändern?
- Projekt zur Umgestaltung des E-Damms
1. Monitoring als zentrales Steuerungselement
Für den Klimaschutz ist Monitoring ein unverzichtbares Instrument. Es ist wie ein Kompass, der zeigt, ob man noch auf dem richtigen Weg ist und wie weit man seinem Ziel schon entgegengekommen ist. Hannover hat eine Klimaleitstelle und diesen veröffentlicht den Klimaschutzmonitor, der einige Ergebnisse zum Klimaschutz enthält. Beides erfreuliche Entwicklungen.
Es reicht nicht, nur umgesetzte Maßnahmen zu messen. Hier fehlt die Transparenz zur Wirkung.
Beides erfreuliche Entwicklungen. Allerdings enthält dieser Monitor weder klare zeitliche Zwischenziele noch Ziele, die auch messen, wie wirksam die Maßnahmen sind, die man bereits ergriffen hat. Es reicht nicht, nur zu messen, wie viele und welche Maßnahmen umgesetzt wurden.
Derzeit hat Hannover nur rund 1/4 soviel Treibhausgase reduziert, wie es insgesamt notwendig ist, um das Ziel der CO2-Neutralität 2035 zu erreichen. Es bleibt also noch viel zu tun.
2. Wie gut ist Hannover aufgestellt und was sollte sich ändern?
Nina Harms ging auf die Frage ein, wie sich Städte ändern müssen, damit man dort noch in 20 oder 30 Jahren gut leben kann. Und wie der Stand der Dinge in Hannover ist.
- Die aktuelle Hitzewelle hat deutlich gezeigt, dass Hitze zu gesundheitlichen Problemen führt. Mehr Hitze heißt mehr Krankenhausaufenthalte, und auch die Zahl der Tode nimmt deutlich zu.
- Hannover hat im Hitze-Check der DUH sehr schlecht abgeschnitten: zu viele Hitze-Hotspots in der Stadt, zu viel und eine weiter zunehmende Versiegelung und insgesamt zu wenig und wenig leistungsfähige Grünflächen. Auch Eilenriede, Maschsee und Herrenhäuser Gärten reichen nicht aus, hier einen spürbaren Unterschied für das ganze Stadtgebiet zu machen. Hinzu kommt, dass es insgesamt mehr Fällungen als Neupflanzungen von Bäumen gab und neue geplanzte Bäume viele Jahre benötigen, um ausreichend groß für eine effektive Beschattung und weitere Wirkungen (Feuchtigkeit, Temperaturabsenkung etc.) zu sein. Zudem sind viele vorhandene Bäume geschädigt.
- Hannover müsste also insgesamt viel mehr tun, um langfristig die Lebensqualität zu erhalten und zu verbessern. Dazu gehören vor allem Investitionen in grüne und blaue Infrastruktur (Bäume, Begrünung und Wasser).
Hannover hat zu viele Hitze-Hotspots. Die Eilenriede kann das nicht ausgleichen.
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Andere Orte wie Paris, Barcelona oder Städte in den Niederlanden zeigen, was geht. Sie fördern:
- nachhaltige Mobilität
- Stadt der kurzen Wege
- intensive Entsiegelung und Begrünung
- Verkehrsberuhigung
- und erreichen so eine deutliche Reduktion von Temperaturen, Verbesserung der Luftqualität und insgesamt der Lebensqualität.
3. Projekt zur verkehrsberuhigten Umgestaltung des E-Damms
Mit einem Leuchtturmprojekt sollen schnell große Fortschritte auf dem Weg zur Klimaneutralität erreicht werden. Die Gruppe entschied sich deshalb für ein Projekt für mehr Verkehrsberuhigung im fahrradaffinen Stadtteil Nordstadt. Vorteile davon wären mehr Platz für Fahrrad und zu Fuß Gehende, mehr Platz für Straßengrün in jeder Form und mehr Aufenthalts- und Lebensqualität. CO2- und Feinstaub- und Lärmbelastung würden für Anwohner:innen und Nutzende deutlich reduziert. Mit dem Weidendamm gibt es zudem eine Alternativroute für Autos.
Nach einer Umfrage im Gebiet rund um den Engelbosteler Damm wurden Thesen entwickelt und mit einer eigenen Erhebung und Verkehrsmessung bestätigt:
- Im Gebiet nutzen rund 75 % der Verkehrsteilnehmenden auf der Straße ein Fahrrad.
- Über 30 % der Autos fahren in wenigen Minuten nur durch das Gebiet hindurch.
Fazit der Gruppe: Der E-Damm ist ein guter Ort für eine Projekt zur Verkehrsberuhigung, und HannoverZero will dieses Ziel nun konkret und aktiv weiterverfolgen.
Im Anschluss an den Vortrag entspann sich eine rege Diskussion mit vielen Nachfragen, kritischen Anmerkungen und noch mehr Ideen zum Klimaschutz. Engagiert diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer u. a. folgende Themen:
- Leider fehlen der Klimaleitstelle Entscheidungskompetenzen und ein eigenes Budget.
- Für ein echtes Monitoring hat die Stadt derzeit zu wenig Kapazitäten.
- Bei vielen Maßnahmen wirkt sich hinderlich und zeitverzögernd aus, dass viele Dezernate und Ämter beteiligt sind.
- Wunsch der Anwesenden: mehr Begrünung, Beschattung und Entsiegelung
- Warum werden bei Straßensanierungs- und Bauprojekten nicht immer gleich die Themen Begrünung, Entsiegelung und Platz für mehr Straßenbäume als vorher mitgedacht und mitgeplant. Und dann auch verbindlich umgesetzt (und nicht nur Ausgleichszahlungen geleistet).
- Warum gibt es nicht attraktive Programme z. B. für Dach- und Hausbegrünung?
- In anderen Ländern ist es z. B. Pflicht, Parkplätze mit Solardächern zu versehen.
- Tipp: Schulen sind gute Partner für Projekte zum Klimaschutz in den Stadtteilen.
- Für mehr Verkehrsberuhigung und um dafür zu „werben“ könnte man z. B. auch "Sommerstraßen" einführen.
Das Fazit: Es wurde einiges für mehr Klimaschutz umgesetzt, aber es bleibt noch viel zu tun, um das Ziel Klimaneutralität 2035 zu erreichen. Vor allem fehlt ein mutiges und ambitioniertes Gesamtkonzept mit transparenten und messbaren Maßnahmen und Zielen.
Am Schluss dankten der Ortsvereinsvorsitzende Dr. Bala S. Ramani und Initiatorin Bente Jessen-Thiesen den beiden Referent:innen des Abends, Nina Harms und Leon Schomburg von der Klimaschutzinitiative HannoverZero, herzlich für ihren lebhaften und kompetenten Input. Ein ganz großes Dankeschön gehe auch an die zweite Initiatorinnen der Reihe, Stefanie Pizzella, sowie die Diakonie und Friedhelm Feldkamp für das Bereitstellen des Raums.
Danach war Gelegenheit und Zeit, informell zusammenzukommen und sich auszutauschen. Dies Angebot nahmen die Teilnehmenden gerne an und diskutierten und sprachen noch lange weiter.
Wir danken allen Teilnehmenden für ihr Kommen, ihr Interesse und den engagierten Austausch und dem gesamten Team der AG Themenabend für die Ideen, Umsetzung und Unterstützung.
Über die Veranstaltungsreihe „Im Gespräch mit…“
Politik lebt vom Nachdenken und Diskutieren. Über Fakten und Realitäten, über Perspektiven und Positionen sowie über die Themen, die im Alltag manchmal zu kurz kommen. Dafür möchten wir uns Zeit nehmen und ins Gespräch kommen! Jeden ersten Donnerstag-Abend im Monat im Haus der Diakonie.